{"id":561,"date":"2024-02-17T08:58:58","date_gmt":"2024-02-17T07:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/opinion-leader.org\/?p=561"},"modified":"2024-04-17T08:59:24","modified_gmt":"2024-04-17T06:59:24","slug":"von-meiner-reise-ins-suedliche-afrika-eine-sicht-auf-die-geopolitischen-geschehnisse-in-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/opinion-leader.org\/en\/veroeffentlichungen\/von-meiner-reise-ins-suedliche-afrika-eine-sicht-auf-die-geopolitischen-geschehnisse-in-der-welt\/","title":{"rendered":"Von meiner Reise ins s\u00fcdliche Afrika \u2013 eine Sicht auf die geopolitischen Geschehnisse in der Welt"},"content":{"rendered":"<p>Vom s\u00fcdlichen Afrika &#8211; wo ich mich dieser Tage aufhalte &#8211; aus betrachtet, liegen die aktuellen Entwicklungen in Europa und den USA weit entfernt und wenig im Fokus des t\u00e4glichen Lebens. Dennoch mag man von hier aus eine klarere Sicht auf aktuelle Entwicklungen haben, als dies vielerorts in Europa selbst der Fall ist. In Europa und den USA f\u00fchrt man derzeit eine auf drei Monate anberaumte NATO-Milit\u00e4r\u00fcbung durch, deren Szenario die Abwehr eines russischen Milit\u00e4rangriffes auf das Baltikum und die neuen NATO-Mitglieder in Skandinavien ist. In einem gro\u00dfen Teil der \u00fcbrigen Welt \u2013 und so auch hier im s\u00fcdlichen Afrika \u2013 ist man hingegen damit besch\u00e4ftigt, seine Volkswirtschaften zu modernisieren und M\u00f6glichkeiten zu finden, sich aus der kostspieligen und de-facto kolonialen Abh\u00e4ngigkeit des US-Dollars als Welthandelsw\u00e4hrung zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Der Status des US-Dollars als Weltreservew\u00e4hrung und als DIE Welthandelsw\u00e4hrung (Anteil zeitweise \u00fcber 80 Prozent) hat es den USA seit 1945, bzw. 1971 (\u201eNixon Shock\u201c) erm\u00f6glicht, ihre eigenen Finanzierungskosten vergleichsweise niedrig zu halten, endlose Haushaltsdefizite zu generieren, die daraus resultierende Inflation aber in die Welt zu exportieren und dar\u00fcber hinaus massiv von den Reinvestitionen der Handelspartner im eigenen Wirtschaftsraum zu profitieren. In j\u00fcngster Zeit besch\u00e4ftigen sich 130 Staaten (die 98 Prozent des weltweiten BIP ausmachen) aktiv mit der Einf\u00fchrung von Blockchain-basierten CBDCs (Central Bank Digital Currencies) sowohl f\u00fcr den Interbankenzahlungsverkehr als auch f\u00fcr den Gro\u00df- und Einzelhandel.<\/p>\n<p>Am 29. Januar dieses Jahres wurde die erste grenz\u00fcberschreitende digitale Zahlung zwischen den BRICS-Partnern VAE und Volksrepublik China mit dem VAE-Dirham \u00fcber die digitale chinesische Plattform M-Bridge abgewickelt. Diese \u2013 und \u00e4hnliche &#8211; Plattformen erm\u00f6glichen internationale Geldtransfers zwischen teilnehmenden Banken unter Verwendung von Blockchain-CBDCs, ohne wie bisher \u00fcber den Umweg des US-Dollars und seiner amerikanischen Corresponding Banks und Clearing-Mechanismen zu gehen, sowie der sich dadurch ergebende Nachverfolgbarkeit, bzw. Blockadem\u00f6glichkeit eines von der US-Regierung in den letzten Jahren verst\u00e4rkt \u201eweaponized\u201c Dollars auszusetzen. Die Nutzung solcher Plattformen d\u00fcrfte in Zukunft zu einem sp\u00fcrbaren R\u00fcckgang der internationalen Nachfrage nach US-Dollar f\u00fchren und damit die M\u00f6glichkeiten der USA zur Generierung neuer Staatsschulden einschr\u00e4nken. Vor allem wird die bisher quasi automatische Reinvestition der im Welthandel erzielten und in US-Dollar denominierten Gewinne in den USA deutlich reduziert und diese Wertsch\u00f6pfungsstr\u00f6me gleichm\u00e4\u00dfiger und man k\u00f6nnte sagen \u201egerechter und ges\u00fcnder\u201c in der Welt verteilt. Gleichzeitig wird damit auch das in den USA beliebte \u201esoft power\u201c-Instrument der Sanktionen stumpf.<br \/>\nIn dem Ma\u00dfe, in dem rohstoffreiche L\u00e4nder beginnen, ihre Gesch\u00e4fte in lokalen W\u00e4hrungen abzuwickeln, werden wir eine fortschreitende Entkoppelung des US-Dollars und damit eine wirtschaftliche Schw\u00e4chung Amerikas erleben. Die VAE versuchen, einen goldenen Mittelweg zu finden: Sie wollen ihre bisherige Abh\u00e4ngigkeit von den USA reduzieren, da deren Position im Nahen Osten auf zunehmend unsicherem Grund steht. Sie bauen ihre Beziehungen zum Osten im Rahmen von strategischen Partnerschaften sowohl mit China als auch mit Russland aus. Die EU spielt in diesem Zusammenhang in politisch und wirtschaftlicher Hinsicht so gut wie keine Rolle. Die seit Anfang 2024 als BRICS-Partner auf der Suche nach neuen Horizonten vereinten Staaten des arabischen Raumes und China haben allein 2023 und 2024 Handelsabkommen im Wert\u00e4quivalent zweistelliger US-Dollar Milliardenbetr\u00e4ge abgeschlossen, wobei insbesondere die neuen langfristigen Roh\u00f6lliefervertr\u00e4ge zwischen Saudi-Arabien und China zu nennen sind, die den amerikanischen \u201ePetro-Dollar\u201c direkt angreifen. Zuk\u00fcnftige Transaktionen werden in den bilateralen digitalen Landesw\u00e4hrungen abgewickelt, was bedeutet, dass der US-Dollar einen erheblichen Schlag erleiden wird.<\/p>\n<p>Die derzeitige Ann\u00e4herung des arabischen Raumes und Chinas ist das Ergebnis des gegenw\u00e4rtigen \u00dcbergangs von der bisherigen &#8211; von den USA w\u00e4hrend der letzten 30 Jahre angef\u00fchrten &#8211; unipolaren, hin zu einer neuen, multipolaren, Weltordnung. Die bisher deutlichste Manifestation des selbst verursachten Scheiterns der amerikanischen Au\u00dfenpolitik, im Grunde genommen eine \u201emy way or the highway\u201c Politik, hat die Staaten des \u201eGlobalen S\u00fcdens\u201c dem Westen entfremdet. Wie John Mersheimer sagte, hat dieses Versagen der amerikanischen Au\u00dfenpolitik dazu gef\u00fchrt, dass China und Russland gegenseitig in die Arme getrieben wurden, und dass all jenen Staaten des Globalen S\u00fcdens, die vom Westen bisher als nachrangige Resourcenkolonien behandelt worden sind, pl\u00f6tzlich eine Alternative in Form der BRICS+ offen steht. In strategischer Hinsicht handelt es sich um das teuerste und schwerwiegendste Versagen der amerikanischen Au\u00dfenpolitik, das auch f\u00fcr die amerikanischen Vasallenstaaten in der EU dramatische Folgen haben wird. Die j\u00fcngste Verabschiedung eines noch h\u00e4rteren Sanktionspakets gegen Russland durch die Europ\u00e4ische Union k\u00f6nnte am Ende die europ\u00e4ischen Staaten wirtschaftlich h\u00e4rter treffen als Russland selbst und Russland und die EU einander weiter entfremden &#8211; was im Sinne der realpolitischen Interessen in der internationalen Politik durchaus im Sinne der USA w\u00e4re.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu expandiert der BRICS-Block. Am j\u00fcngsten Moskauer Treffen Ende Januar d.J. wurde angek\u00fcndigt, dass bald weitere 23 bev\u00f6lkerungs- und rohstoffreiche L\u00e4nder dem Block beitreten w\u00fcrden, so etwa Indonesien (Palm\u00f6l, Kohle, Erdgas und Kautschuk), Thailand (Maschinen und Elektronik, landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Reis und Meeresfr\u00fcchte, Bekleidung und Industrieerzeugnisse) in Ostasien, Kasachstan (Uran, Erd\u00f6l, Metalle wie Eisenerz, umfangreiche Bodensch\u00e4tze, landwirtschaftliche Erzeugnisse), Pakistan (Textilien und Bekleidung, Obst und Gem\u00fcse, Reis, Lederwaren in Asien; Simbabwe (Gold, Platin, Chrom, Tabak und Baumwolle), Angola (Erd\u00f6l, Kohle, Asbest, Kupfer, Nickel, Gold, Platin und Eisenerz), der Kongo (Erze und seltene Erden, Erd\u00f6l, Zucker, Palm\u00f6l, , Mehl und ), Gabun (Erd\u00f6l)) in Afrika, sowie im Nahen Osten Syrien (Erd\u00f6l, Phosphate, Textilien und landwirtschaftliche Erzeugnisse), T\u00fcrkei (Stahl und Metalle, industrielle und landwirtschaftliche Erzeugnisse, Handel mit Transitwaren), aber auch L\u00e4nder wie Mexiko ( Automobilindustrie, Elektronik und Industrieerzeugnisse), Kuba und Uruguay (Rindfleischexporte), Nicaragua (Textilien und landwirtschaftliche Erzeugnisse) in Mittel- und S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Die Energiemacht der BRICS+ wird durch gro\u00dfe \u00d6l- und Gasproduzenten wie Iran und Saudi-Arabien gest\u00e4rkt. Die BRICS+ kontrollieren mehr als 80 Prozent der weltweit bekannten, und nach heutigem Stand der Technik wirtschaftlich f\u00f6rderbaren Roh\u00f6l- und Gasreserven (und damit auch die nachgelagerte chemische Industrie). Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgen die VAE mit \u00fcber 215 Billionen Kubikfu\u00df \u00fcber die siebtgr\u00f6\u00dften nachgewiesenen Erdgasreserven der Welt. Trotz der seit Ende der 1970er Jahre bestehenden US-Sanktionen hat der Iran seine \u00d6lexporte in den letzten 15 Jahren deutlich gesteigert, wobei die Hauptabnehmer Indien und China &#8211; als BRICS-Partner &#8211; sind.<br \/>\nDie Vereinigten Staaten spielen weiterhin eine dominante Rolle \u2013 wenn auch in ihrer zunehmend kleiner werdenden Einflusssph\u00e4re in Europa. Im Jahr 2022 lieferten die USA 50 Prozent des europ\u00e4ischen LNG-Bedarfes und 12 Prozent des Roh\u00f6ls, w\u00e4hrend die direkten russischen \u00d6l- und Gaslieferungen aufgrund von Boykotten, Sanktionen und EU-Preisobergrenzen um die H\u00e4lfte zur\u00fcckgingen; es ist allerdings zu beachten, dass die russischen Lieferungen \u00fcber Drittl\u00e4nder unver\u00e4ndert anhalten. Der Westen, und hier insbesondere die EU, setzt aus politisch-ideologischen Gr\u00fcnden immer st\u00e4rker auf \u201eerneuerbare\u201c gr\u00fcne Energien und \u201eDekarbonisierung\u201c, was sich bisher allerdings in einer verringerten globalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit und steigenden europ\u00e4ischen Verbraucherpreisen niederschl\u00e4gt, ohne bisher die erhofften Vorteile zu bringen. Wenn die notwendigen technologischen Durchbr\u00fcche nicht sehr bald gelingen, wird die \u201egr\u00fcne\u201c europ\u00e4ische Wette nicht aufgehen, was in der Folge zu einer v\u00f6lligen Abh\u00e4ngigkeit Europas von Energieressourcen, Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Industrieprodukten unter au\u00dfereurop\u00e4ischer, d.h. amerikanischer, chinesischer oder russischer Kontrolle f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was die Wirtschaft und das BIP betrifft, so umfasst die Zusammenarbeit der BRICS+ mit der Aufnahme von sechs neuen Mitgliedern nun \u00fcber 30 Prozent der Weltwirtschaft mit einem gemeinsamen BIP von \u00fcber 30 Billionen US-Dollar aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Aufenthaltes im s\u00fcdlichen Afrika hatte ich Gelegenheit, mit internationalen Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Diplomatie und Wirtschaft zu sprechen. Einheitlich war ein klares Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Umklammerung, die Amerika auf die europ\u00e4ischen Entscheidungstr\u00e4ger aus\u00fcbt. Ein starkes Europa ist nicht in US-amerikanischem Interesse. Die europ\u00e4ischen Staaten sollten sich auf ihre Souver\u00e4nit\u00e4t besinnen und aus eigener Kraft Entscheidungen zum Wohle der eigenen Bev\u00f6lkerung und Wirtschaft treffen, anstatt sich als willige Handlanger in Kriegen instrumentalisieren zu lassen, und diese auch noch zu bezahlen. Denn etwa die finanzielle Unterst\u00fctzung der USA f\u00fcr die Ukraine erfolgt gegen konkrete Werte, wie z.B. Minenrechte und Agrarfl\u00e4chen, w\u00e4hrend die EU-Unterst\u00fctzung gegenleistungslos gew\u00e4hrt wird, und zu einem gro\u00dfen Teil der US-Waffenindustrie zugutekommt. Entwicklungen, die dem Globalen S\u00fcden nicht verborgen bleiben.<\/p>\n<p>Wie eingangs erw\u00e4hnt, bereiten sich Europa und Amerika auf eine dreimonatige NATO-\u00dcbung vor, an der etwa 100 000 Soldaten und Kriegsmaschinen beteiligt sind. Die Narrative und das Playbook stehen fest, die Bev\u00f6lkerungen soll auf m\u00f6gliche Kriegsereignisse eingeschworen werden, man will die \u00dcbung realit\u00e4tsnah gestalten. Vieles deutet konkret darauf hin, dass Europa ein weiteres Mal darauf vorbereitet werden soll, m\u00f6glicher Schauplatz eines Weltenbrandes zu sein. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine \u00dcbung, in der ausufernde Bedrohungsszenarien und Feindbilder gesch\u00fcrt werden, eine russische Aggression heraufbeschworen wird, die es so nicht gibt und seit drei\u00dfig Jahren auch nicht gab. An dieser Stelle sei erw\u00e4hnt, dass Russland sich seit Jahrzehnten immer wieder f\u00fcr den Dialog und die Zusammenarbeit mit dem Westen, insbesondere mit der EU, aufgeschlossen zeigte. Aufgrund der langen Dauer der \u00dcbung und der gro\u00dfen Anzahl beteiligter Truppen birgt sie jedoch das konkrete Risiko, sei es durch technisches oder menschliches Versagen, ungewollt in eine reale Konfrontation auf Kosten unschuldiger europ\u00e4ischer Zivilisten zu schlittern.<\/p>\n<p>Um Wolfgang von Goethe zu paraphrasieren &#8211; \u201edie Geister, die ich rief&#8220;&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom s\u00fcdlichen Afrika &#8211; wo ich mich dieser Tage aufhalte &#8211; aus betrachtet, liegen die aktuellen Entwicklungen in Europa und den USA weit entfernt und wenig im Fokus des t\u00e4glichen Lebens. Dennoch mag man von hier aus eine klarere Sicht auf aktuelle Entwicklungen haben, als dies vielerorts in Europa selbst der Fall ist. 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